{"id":109,"date":"2011-05-09T20:56:11","date_gmt":"2011-05-09T19:56:11","guid":{"rendered":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/wordpress\/?p=109"},"modified":"2014-03-12T21:58:24","modified_gmt":"2014-03-12T20:58:24","slug":"beziehungen-und-freundschaften","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/beziehungen-und-freundschaften","title":{"rendered":"&#8222;Beziehungen&#8220; und &#8222;Freundschaften&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Viel bedeutender als die M\u00f6glichkeit, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben, ist meiner Meinung nach die Chance, Liebe als solche zu dekonstruieren und zu fragen: Worin unterscheiden sich eigentlich Liebe und Freundschaft? Was ist das, Liebe? Ich denke, dass Liebe letztlich nur die gesteigerte Sympathie und Zuneigung ist, die ich auch &#8222;Freund_innen&#8220; gegen\u00fcber empfinde, und damit ist sie nicht mehr klar zu definieren. Es gibt nat\u00fcrlich Abstufungen, weil ich Menschen durchaus unterschiedlich gern hab, aber ich k\u00f6nnte nicht sagen: &#8222;Hier beginnt Liebe.&#8220; Und genau genommen soll es darum im Grunde ja auch gar nicht gehen, denn wo einmal von Liebe gesprochen wird, darf alles andere \u00fcberhaupt nicht mehr Liebe sein. Beschrieben wird nicht prim\u00e4r ein Gef\u00fchl, sondern viel mehr ein Zustand.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nUnd Beziehungen werden in der Tat vor allem \u00fcber etwas anderes definiert als \u00fcber Liebe, n\u00e4mlich \u00fcber die Ausschlie\u00dflichkeit von K\u00f6rperlichkeit. Liebe ist weder genau zu definieren, noch ist sie sichtbar. Das macht es sehr schwierig, \u00fcber Liebe eine Exklusivit\u00e4t herzustellen, weil man diese nicht pr\u00fcfen kann. Und so erreicht man sie dar\u00fcber, dass es nur einen Menschen geben soll, mit dem man kuschelt, den man k\u00fcsst, mit dem man schl\u00e4ft. (Umarmungen mit anderen zur Begr\u00fc\u00dfung und zum Abschied sind ok, mehr aber nicht!) Dass man selbst der einzige Mensch ist, mit dem der oder die andere diese K\u00f6rperlichkeit teilt, soll gleichbedeutend damit sein, dass man auch der einzige Mensch ist, der von ihm_ihr geliebt wird. (Mit sexuell offenen Beziehungen verh\u00e4lt es sich noch ein wenig anders, aber das w\u00fcrde hier den Rahmen sprengen.)<\/p>\n<p>Die Monogamie besteht ja eben darin, dass dem so ist, dass man als einziges geliebt wird, und um genau das sichtbar zu machen, werden &#8222;Beziehungen&#8220; in Abgrenzung zu &#8222;Freundschaften&#8220; k\u00f6rperlich definiert, w\u00e4hrend &#8222;Freundschaften&#8220; platonisch und weniger intensiv sein sollen. Je nachdem, wie konsequent Menschen mit dieser Kategorisierung umgehen, kann es zwar doch mal sein, dass zwei miteinander befreundete Menschen zum Beispiel zusammen kuscheln (sofern eventuell existierende Partner_innen das zulassen), aber sp\u00e4testens bei K\u00fcssen und Sexualit\u00e4t ist dieser Spielraum dann auch meist ausgereizt (oder man ist pl\u00f6tzlich &#8222;zusammen&#8220;, um es zu legitimieren) und man orientiert sich eben an dem, was die Kategorie einem vorgibt. Wer sich umsieht, wird dies best\u00e4tigen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Kategorien, in denen wir landen, entscheiden dar\u00fcber, wie ein bestimmtes Verh\u00e4ltnis auszusehen hat. Ein Verh\u00e4ltnis, das als ein &#8222;freundschaftliches&#8220; definiert wurde, wird in der Regel keine oder nur geringe k\u00f6rperliche N\u00e4he beinhalten. Manchmal schon deshalb, weil eine_r von beiden noch eine monogame Beziehung f\u00fchrt, die eben dies einfordert. Manchmal aber auch, weil diese Kategorien bereits so sehr verinnerlicht wurden, dass man sich auch ohne \u00e4u\u00dferen Druck an sie h\u00e4lt, das eigene Denken also bereits durch sie strukturiert ist.<\/p>\n<p>Ebenso wenig, wie es dabei vorgesehen ist, dass &#8222;Freundschaften&#8220; auch k\u00f6rperliche N\u00e4he einschlie\u00dfen, ist es vorgesehen, dass man in &#8222;Beziehungen&#8220; beispielsweise keinen Sex miteinander hat. (Wer ihn (l\u00e4nger) nicht m\u00f6chte, wird damit in vielen F\u00e4llen Gefahr laufen, verlassen zu werden.) Beispielsweise gilt Sex in der Ehe nach wie vor als &#8222;eheliche Pflicht&#8220; und es ist gar nicht lange her, dass damit auch Vergewaltigungen in der Ehe gerechtfertigt wurden und straflos blieben. Heute hat sich das zum Gl\u00fcck ge\u00e4ndert, aber nach wie vor gilt Sex als Pflichtbeitrag zur ehelichen Gemeinschaft, nur dass er heute nicht mehr eingeklagt werden kann.<\/p>\n<p>Es geht also nicht darum, was zwei Menschen eigentlich miteinander m\u00f6chten, sondern darum, was ihre Kategorie ihnen vorschreibt. Nat\u00fcrlich soll niemand angehalten sein, entgegen seiner Bed\u00fcrfnisse die N\u00e4he eines anderen zu suchen, aber die Frage, was denn eigentlich die eigenen Bed\u00fcrfnisse sind, ist so ja gar nicht erst vorgesehen. Die wenigsten Menschen denken wirklich dar\u00fcber nach, was konkret sie mit einem anderen Menschen leben m\u00f6chten. Dabei w\u00e4ren die M\u00f6glichkeiten im Grunde so zahlreich. Es k\u00f6nnte Menschen geben, mit denen man sich vielleicht gerne im Arm liegt. Vielleicht findet man es auch spannend, sie mal zu k\u00fcssen, vielleicht auch nicht. Vielleicht m\u00f6chte man mit jemandem schlafen, von dem man aber wei\u00df, dass es wohl zu viel Knatsch geben w\u00fcrde, w\u00fcrde man dar\u00fcber hinaus zu viel Zeit miteinander verbringen. Zwischenmenschliche Beziehungen k\u00f6nnten so vielseitig sein, so unterschiedlich und individuell. Aber wir machen sie gleich, fragen nicht nach konkreten Bed\u00fcrfnissen, denken dar\u00fcber nicht nach, sondern kategorisieren Kontakte und halten uns dann an das, was sich daraus ergibt.<\/p>\n<p>Ich stelle es mir unglaublich sch\u00f6n vor, w\u00fcrde ich Menschen einfach begegnen k\u00f6nnen, ohne schon zu wissen, was mit ihnen sein darf und was nicht. Man w\u00fcrde einfach schauen k\u00f6nnen, was man miteinander m\u00f6chte, w\u00fcrde ein wenig experimentieren, Gemeinsamkeiten entdecken und vielleicht auch, was man miteinander vielleicht nicht m\u00f6chte. Da w\u00e4re niemand mehr, der einem reinredet, weil man selbst oder der andere vielleicht &#8222;vergeben&#8220; ist, und es w\u00e4re selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr uns, uns Gedanken zu machen dar\u00fcber, was wir eigentlich genau mit einem anderen Menschen m\u00f6chten, anstatt das im Grunde bereits festzulegen, noch bevor wir ihn kennengelernt haben.<\/p>\n<p>Als Bezeichnungen allein w\u00fcrden die Begriffe &#8222;Beziehung&#8220; und &#8222;Freundschaft&#8220; nichts taugen, denn sie w\u00fcrden an dem, was ist, ja nichts \u00e4ndern. Sie machen nur Sinn, wo sie Konsequenzen haben, wo sie etwas regeln und sie m\u00fcssen etwas regeln, solange eine zwischenmenschliche Beziehung von allen anderen fundamental zu unterscheiden sein muss. Wo Monogamie ist, m\u00fcssen Freundschaften platonisch bleiben.<\/p>\n<p>Und es geht mir hierbei keineswegs prim\u00e4r um Sexualit\u00e4t. Ich denke an die Einsamkeit, die in dieser Gesellschaft sehr, sehr viele Menschen f\u00fchlen. All die Menschen, die keine (Zweier)Beziehung f\u00fchren (wollen), bleiben ausgenommen von Z\u00e4rtlichkeit und W\u00e4rme, da der einzige Ort, an dem Geborgenheit m\u00f6glich sein soll, ja die monogame Zweierbeziehung ist. Millionen Menschen da drau\u00dfen sehnen sich danach, mal in den Arm genommen zu werden (94% der Singles \/ <a href=\"http:\/\/magazin.elitepartner.de\/studie-umarmung-wichtiger-als-sex.html\">Quelle<\/a>), mal nicht allein einzuschlafen (78% der Singles), dass sich auch mal jemand bei ihnen anlehnt. Und das geschieht nicht etwa deshalb nicht, weil diese Menschen alle liebensunwert sind, sondern weil mit ihnen niemand eine Zweierbeziehung f\u00fchrt, ohne die N\u00e4he ja nicht oder nur selten stattfindet.<\/p>\n<p>Und ganz ehrlich, da ist die Frage erlaubt, wie gut wir unsere Freund_innen eigentlich kennen und wie wir mit ihnen umgehen. Wenn 94% der Singles von niemandem einfach so mal in den Arm genommen werden, obwohl es dazu nur zwei Arme und etwas Zuneigung braucht, kann unser Umgang miteinander so liebevoll nicht sein. Die meisten Menschen brauchen k\u00f6rperliche N\u00e4he, um sich g\u00e4nzlich angenommen zu f\u00fchlen, sich mal fallen lassen zu k\u00f6nnen, aber es liegt im Wesen der Monogamie, dass sie das unm\u00f6glich macht oder zumindest sehr erschwert. Weil es ja die Exklusivit\u00e4t einer &#8222;Beziehung&#8220; infrage stellen k\u00f6nnte. Aus der Monogamie folgt die soziale K\u00e4lte. Selbst f\u00fcr jene, die vielleicht eine Zweierbeziehung eingegangen sind, denn auch sie sind betroffen von der allgegenw\u00e4rtigen Distanz allen anderen Menschen gegen\u00fcber. Sich in Form einer monogamen Beziehung an einen Menschen zu binden, hei\u00dft letztlich auch, sich von allen anderen zu trennen.<\/p>\n<p>Ich lehne diese Kategorien ab, weil ich der Meinung bin, dass sie uns an einem sch\u00f6neren und liebevolleren Umgang miteinander hindern. Und ich lehne die Monogamie ab, weil sie ohne diese Kategorien nicht auskommt. Dies ist einerseits nat\u00fcrlich eine Kritik am monogamen &#8222;Normalzustand&#8220;, aber zugleich auch eine an jenen Menschen, die zwar polyamor leben, die diese Kategorien aber unangetastet lassen und einfach mehrere &#8222;Beziehungen&#8220; f\u00fchren, anstatt des Prinzip von &#8222;Beziehung&#8220; und &#8222;Freundschaft&#8220; grunds\u00e4tzlich infrage zu stellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viel bedeutender als die M\u00f6glichkeit, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben, ist meiner Meinung nach die Chance, Liebe als solche zu dekonstruieren und zu fragen: Worin unterscheiden sich eigentlich Liebe und Freundschaft? Was ist das, Liebe? Ich denke, dass Liebe letztlich nur die gesteigerte Sympathie und Zuneigung ist, die ich auch &#8222;Freund_innen&#8220; gegen\u00fcber empfinde, und damit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[90],"tags":[11,58,57,54,8,56,55,49],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109"}],"collection":[{"href":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=109"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":640,"href":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109\/revisions\/640"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=109"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=109"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}