{"id":72,"date":"2011-05-06T20:30:00","date_gmt":"2011-05-06T19:30:00","guid":{"rendered":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/wordpress\/?p=72"},"modified":"2014-01-16T17:37:35","modified_gmt":"2014-01-16T16:37:35","slug":"gegen-die-liebe-2-liebeskitsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/gegen-die-liebe-2-liebeskitsch","title":{"rendered":"Gegen die Liebe (2): Liebeskitsch"},"content":{"rendered":"<p><em><em>Ein Text gegen den Mythos der Gro\u00dfen Liebe, gegen die kitschige, romantische, exklusive, heteronormative, in Schubladen gesteckte, besitzergreifende Liebe.<\/em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Originaltext<\/em>: La culture de l\u2019amour<em> von<\/em> \u2018Collectif\u2018, <em>Ersterscheinung August 2003<\/em>. Original in<a href=\"http:\/\/infokiosques.net\/lire.php?id_article=158\"> HTML-Version<\/a>, <a href=\"http:\/\/infokiosques.net\/IMG\/pdf\/contre_l_amour.pdf\">PDF-Version<\/a>. \u2014 <em>\u00dcbersetzung  aus dem Franz\u00f6sischen von Chantilly<\/em><\/p>\n<p><em><strong>Teil 2<\/strong> <em>(<a title=\"Hier Teil 1 lesen\" href=\"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/gegen-die-liebe-1\">Hier Teil 1 lesen<\/a>)<\/em>: <strong>Klebrig-s\u00fc\u00dfe Liebesgeschichten umgeben uns \u00fcberall.<\/strong> Doch wie geht&#8217;s eigentlich nach dem Happy End weiter? Was ist dran am Mythos Liebe?<\/em><\/p>\n<p><em> <\/em>Zwei Fragen qu\u00e4len die kleine Lisa. &#8222;Du, Mama, warum gewinnen im Fernsehen immer die Guten?&#8220; Das ist eine gute Frage, die verwinkelte Schemata und tiefergehende Geheimforschung verdienen w\u00fcrde. Aber hier ist sie uns weniger wichtig als die zweite: &#8222;Du, Opa, warum geht es in den Liedern im Radio immer um Liebe?&#8220; Das stimmt, die Liebe wird ins Mikro gesungen, auf der Stra\u00dfe gesummt, man macht daraus Gold-Schallplatten, Love hier, Love da. &#8222;Aber warum singen die S\u00e4nger nicht vom Tod oder dem Meer oder der Macht oder der Geologie? Es gibt so viele Sachen!&#8220; Opa wird antworten,<!--more--> dass unter allen diesen Dingen die Liebe die sch\u00f6nste, die intensivste ist, etwas was uns ganz tief ber\u00fchrt und uns Lieder schreiben l\u00e4sst. Sicher, unsere Kultur bringt uns nicht bei, sensibel auf eine Windbrise, auf Ger\u00fcche, auf Ungerechtigkeiten zu reagieren, sie bietet uns nur einen gro\u00dfen Nervenkitzel, einen einzigen, der alle anderen aussticht: die Liebe. Findest du das gerecht, Lisa? Hast du keine Lust, Anna, Beate und Moritz zusammenzutrommeln und alle diese romantic love singers, diese genormten Opas, diese Barbies und Kens, die man dir in die Hand dr\u00fcckt, mundtot zu machen?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/barbie-u-ken-_CC_madelineyoki.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"211\" class=\"size-medium wp-image-89 aligncenter\" title=\"barbie u ken _CC_madelineyoki\" src=\"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/barbie-u-ken-_CC_madelineyoki-300x211.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/barbie-u-ken-_CC_madelineyoki-300x211.jpg 300w, http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/barbie-u-ken-_CC_madelineyoki.jpg 464w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Naja, wir sind nicht alle so stark wie Lisa und lassen uns von diesen sanften Balladen, diesen klebrig-s\u00fc\u00dfen oder bitteren M\u00e4rchen einlullen. Schwierig, dem zu entkommen: Zeichentrickfilme, Kindergeschichten, Filme, Werbung, Zeitschriften, Romane, Nachrichten, sogar bei unseren Freunden&#8230; die Liebe begegnet uns \u00fcberall in rauen Mengen. Diese Liebesgeschichten pr\u00e4gen uns, pr\u00e4gen uns ihre Kultur auf, sie bringen uns bei, all diese Mythen zu begehren.<\/p>\n<p>Unsere Empfindsamkeit wird von ihnen geschaffen und d\u00fcrstet gleichzeitig nach ihnen. Wenn wir ins Kino gehen um eine &#8222;sch\u00f6ne&#8220; Liebesgeschichte zu sehen und wir ber\u00fchrt oder tr\u00e4umend aus dem Film kommen, dann haben wir gerade etwas von dieser konstruierten Liebe erlebt, und gleichzeitig haben wir noch ein wenig mehr verinnerlicht, wie sch\u00f6n und gro\u00df sie ist und dass wir danach streben sollen. Diese Filme kompensieren unsere Gef\u00fchlsmisere, indem sie uns einen Moment lang Identifikation und Katharsis bieten, die uns erm\u00f6glichen, indirekt zu erleben, was wir direkt nie in unserem eigenen Leben finden werden. Sie sind gleichzeitig tr\u00f6stend und transportieren die Liebeskultur, sie lindern unsere Leiden, unsere Frustration und sind gleichzeitig N\u00e4hrboden daf\u00fcr, dass sie sich verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Habt ihr bemerkt wie diese Liebesgeschichten funktionieren? Es ist immer die gleiche Leier. Ein M\u00e4rchenprinz und eine M\u00e4rchenprinzessin treffen aufeinander, die Liebe w\u00e4chst langsam im Laufe von heimlichen Blicken und unerwarteten Situationen. Dann kommt die Flirt-Phase, der Held und die Heldin n\u00e4hern sich einander an, schleichen umeinander herum, machen Andeutungen, missverstehen sich&#8230; Spannung&#8230; Aber die Liebesgeschichte hat ein gutes Ende, der Prinz und die Prinzessin fallen einander in die Arme, dann kommt als Kr\u00f6nung der Kuss, dann der Abspann. Und danach? Wie ist das Leben nach diesem Kuss? Vermutlich ein Liebes-Paradies, ein erstarrtes, glattes Traumbild, &#8222;und sie lebten gl\u00fccklich und bekamen viele Kinder, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.&#8220; Ganz genau an der Stelle, an der die Erz\u00e4hlung abbricht, in dieser Stille, da tritt der Mythos Liebe zutage: das Gl\u00fccksgef\u00fchl in der Liebe ist so total, dass es nichts mehr zu erz\u00e4hlen gibt. In der Flirt-Phase gibt es noch Pr\u00fcfungen, die uns herausfordern und unsere Aufmerksamkeit verlangen; das Leben des Paars jedoch ist aalglatt und frei von Pr\u00fcfungen, Wendungen und \u00dcberraschungen. H\u00f6chstens werden mal Schwierigkeiten gezeigt, die aber dann nur die Kulisse sind, um zu zeigen wie einer der Partner des anderen \u00fcberdr\u00fcssig wird und eine Flirt-Phase mit jemand anderem beginnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/all-you-need-is-love_CC_la.furia_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"237\" class=\"size-medium wp-image-85 aligncenter\" title=\"all you need is love_CC_la.furia\" src=\"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/all-you-need-is-love_CC_la.furia_-300x237.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/all-you-need-is-love_CC_la.furia_-300x237.jpg 300w, http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/wp-content\/uploads\/2010\/08\/all-you-need-is-love_CC_la.furia_.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nur die &#8222;intellektuellere&#8220; Literatur und Filme, die schwieriger zug\u00e4nglich sind, beschreiben die Hindernisse und Schwierigkeiten, die es gibt, wenn die Liebe einmal ausgesprochen und besiegelt ist: die beklemmende Enge einer Liebesbeziehung, der \u00dcberdruss am Ende der Verliebtheitsphase, die Glanzlosigkeit des Familienlebens&#8230; In Klatsch- und Frauenmagazinen werden die Probleme des Lebens nach dem (Film-)Kuss wissenschaftlich behandelt, mit Unterst\u00fctzung von Psychologen, als wenn es zu behandelnde Abnormit\u00e4ten w\u00e4ren oder Alterskrankheiten.<\/p>\n<p>Aber die Geschichten, die uns erbeben lassen, unsere Gef\u00fchle und Gel\u00fcste ansprechen, die bleiben dem Leben vor dem Kuss vorbehalten: die Liebe in der Trivialliteratur ist nichts anderes als ein Schlussstein, ein happy end. Dieses Schema wirkt sich auf unseren Kopf aus und n\u00e4hrt dort den Mythos der Liebe, der sich dann in unsere Wirklichkeit, unsere Pl\u00e4ne und Hoffnungen hineingr\u00e4bt.<\/p>\n<p><em>Weiterlesen: <a href=\"http:\/\/beziehungsgarten.net\/blog\/gegen-die-liebe-3-liebeskapitalismus\">Teil 3: Liebeskapitalismus<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Text gegen den Mythos der Gro\u00dfen Liebe, gegen die kitschige, romantische, exklusive, heteronormative, in Schubladen gesteckte, besitzergreifende Liebe. Originaltext: La culture de l\u2019amour von \u2018Collectif\u2018, Ersterscheinung August 2003. Original in HTML-Version, PDF-Version. \u2014 \u00dcbersetzung aus dem Franz\u00f6sischen von Chantilly Teil 2 (Hier Teil 1 lesen): Klebrig-s\u00fc\u00dfe Liebesgeschichten umgeben uns \u00fcberall. 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