Polyamorie lernbar?

Diskussionen, Fragen und Gedanken zu nicht-traditionellen Beziehungen
ScottA
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Polyamorie lernbar?

Ungelesener Beitragvon ScottA » 31. Jan 2018 14:37

Hallo allerseits

Es ist vielleicht etwas kompliziert (oder auch nicht, ich hoffe ich finde jemand mit Erfahrung).
Kurz zu mir: ich, monogam, männlich, 32j, in einer festen Beziehung seit 6 1/2 Jahren und davon verheiratet seit knapp 4 Jahren mit der meiner Meinung nach tollsten Frau der Welt. Kurz zu ihr: sie, 31, davon 30 1/2 Jahre monogam. Seit 6 Monaten nicht mehr...

Trotz einer scheinbar perfekten Beziehung (wir haben wirklich nach dem "Problem" oder der "Ursache" gesucht, aber es läuft alles sonst super) hat sich meine Frau vor einigen Monaten verliebt. Sie kann sich selbst nicht erklären wie das geschah, versichert mir aber dass Sie mich nach wie vor genau so liebe wie eh und je. Nach den ersten Tagen mit einigem Gefühlschaos hat Sie die Thematik Polyamorie entdeckt, was für uns beide bis dahin ein unbekanntes Fremdwort war.

Ich habe mich dann dazu bereit erklärt "den anderen" kennen zu lernen, da mir meine Frau sagte dies könne nicht funktionieren wenn ich dagegen sei. Also habe ich das getan. Nach einigen Tagen "Bedenkzeit" habe ich entschieden, dass dies für mich keine Zukunftsoption darstelle, dass ich nicht bereit sei meine Frau zu teilen und an einer monogamen Beziehung festhalten will (ich weiss, alles gaaaanz böse und egoistische Äusserungen von mir...).

Jedenfalls, nach langem hin und her wurde über meinen Kopf weg bestimmt, dass wir jetzt zu dritt diese Art von Beziehung ausprobieren. Und was soll ich sagen, ich komme noch immer nicht damit zu recht -.-
Ich habe schon über das Thema Scheidung nachgedacht (auch ausgeprochen), bin für einige Tage ausgezogen (mehrfach, um wieder "Luft zu holen"), fühle mich jedesmal immer wieder schei**e wenn Sie zu ihm fährt und trotzdem scheint es für Sie keine Option zu geben ohne diese zweite Beziehung zu leben. Wichtig an dieser Stelle noch zu sagen: Sie will prinzipiell nicht polyamor leben. Falls es mit dieser Beziehung zu ihm nicht funktioniere werde Sie danach auch nicht eine weitere suchen/wollen. Dieses Bedürfniss habe Sie gar nicht. Und ausserdem soll diese Dreierbeziehung einseitig bleiben, sprich Sie mit beiden aber die beiden Männern gefälligst ihr gegenüber monogam, eine offene Beziehung wolle Sie keinesfalls und möchte definitiv nicht, dass ich mir auch eine Freundin suche... (nicht, dass ich das überhaupt möchte, aber habe Sie halt gefragt "was würdest du davon halten wenn ich...)

Nun zu meiner eigentlich Frage: gibt es hier im Forum Mitglieder mit ähnlichen Erfahrungen? Sprich, dass sich Polyamorie erst während einer Beziehung einseitig entwickelt und wie soll der nicht polyamore Partner damit klarkommen? Was kann ich tun, damit ich mich in unserer Beziehung wieder wohl fühle, obwohl es einen anderen Mann gibt und ich dies aus meiner Überzeugung heraus moralisch verwerflich finde? (Dies ist meine ganz persönliche Meinung und ich verstehe, dass diese hier nicht unbedingt geteilt wird).

Ich will mich nicht von meiner Frau trennen und Sie sich auch nicht von mir. Gleichzeitig liebe Sie ihn so sehr, dass Sie auch ihn nicht verlieren will. Für mich ist also die einzige Option zu lernen mit der Situation klar zu kommen, sozusagen meinen Frieden finden. Aber wie schaffe ich das?

Valentine
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Re: Polyamorie lernbar?

Ungelesener Beitragvon Valentine » 31. Jan 2018 16:18

Hallo ScottA,

ui, da scheinen ja ziemlich schnell bei euch Veränderungen zu geschehen, das würde mich auch überfordern.

Was macht dir an dem von ihr vorgeschlagenen Szenario Angst? Was macht dich wütend, eifersüchtig, bringt dich so sehr durcheinander?

Dass deine Frau sich verliebt hat, empfinde ich, als polyamor fühlend, gar nicht mal problematisch. Das kann jedem Menschen passieren. Einfach so. Dieses über deine Bedürfnisse hinweggehen empfinde ich schwerwiegender. Sie will, also tut sie. Sie bestimmt. Sie diktiert dir, dass Du dich nicht verlieben und dasselbe machen darfst wie sie es gerade tut.

Tatsächlich habe ich schon erlebt, dass in dem Fall sie die dortige Ehe öffnete und er, nachdem er darüber nachgedacht hatte, schneller als der Schall mich kennenlernte und wir uns verliebten. Und sie vergeblich Sexabenteuer suchte, niemanden fand und dann rasend eifersüchtig auf ihn wurde und am Ende die Beziehung zwischen ihm und mir gezielt zerstörte. Nach drei Jahren war diese Ehe am Ende und sie leben heute getrennt und lassen sich scheiden. Das lag nicht an dem Versuch polamor zu leben, sondern will auch dort die bestehende Beziehung schon seit Jahren belastet war durch Ignoranz, Egoismus und Ängste. Es wurde nicht offen miteinander geredet, sie nahm ihn in einigen Punkten nie für voll und umgekehrt war es genauso.

Diese Dynamiken und Funktionen zu erkennen ist sehr schwierig, finde ich. Und es nutzt wenig, dem Partner Vorhaltungen zu machen. Sicher, ihr habt euch einmal auf eine monogame Ehe geeinigt, nur für immer darauf bestehen funktioniert meist nicht.

Hast Du für dich hinter deine Verlustängste gesehen und dort versucht herauszufinden, was dich stört, was dir Angst macht, wo Du wütend wirst und woher z.B. auch deine moralischen Bewertungen stammen? Ich finde es völlig in Ordnung, wenn ein Mensch monoamor fühlt und keine Bedürfnisse hat, weitere Menschen zu lieben und zu ihnen eine Beziehung einzugehen. Nun hast Du sie gefragt, was wäre, wenn Du dir auch jemanden suchst. Warum? Wo kommt dieses quit pro quo her? Was wolltest Du mit dieser und ähnlichen Fragen herausfinden? Wie definierst Du deine Eifersucht?

Was passiert in dir, wenn sie geht und Du alleine Zuhause bist? Welche Gedanken und Gefühle hast Du dann?

Ich finde, als ersten Schritt ist es wichtig, für sich herauszufinden, wie und vor allem warum man so empfindet, wie es eben ist. Und dann zu schauen, wo deine Bedürfnisse liegen und was davon anerzogen ist (das macht man eben so) und was authentisch ist (ach, wenn ich dürfte, würde ich mir auch jemanden suchen). Und dann anfangen ehrlich zu sich selber zu sein, was ich als eine der schwierigsten Aufgaben empfinde. Dann kannst Du weiter sehen, welche Möglichkeiten Du hast, dich an die Situation zu gewöhnen, eure Beziehung zu verbessern, was auch immer das Resultat sein wird.

LG
Valentine
Lass mich bitte Nein sagen, bevor ich Ja zu dir sagen kann. (me)

Joalla
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Re: Polyamorie lernbar?

Ungelesener Beitragvon Joalla » 31. Jan 2018 19:31

Hallo ScottA,

unsere Situation ähnelt ein wenig der Deinen, insofern, dass mein Mann monogam ist, ich nach längeren Jahren entdeckte, dass ich poly bin, und mein Mann mit einer weiteren Beziehung große Schwierigkeiten hat. Allerdings kommt bei uns dazu, dass wir zwei kleine Kinder haben, was bei mir dazu geführt hat, dass ich mich nach langen Gesprächen und noch längeren Überlegungen dazu entschied, die zweite Beziehung in eine (sehr innige und noch immer bestehende) Freundschaft umzuwandeln und weiterhin sexuell monogam zu leben. Das ist allerdings eine Entscheidung, hinter der ich voll und ganz stehe und die mir keine Bauchschmerzen macht (Sexuelles ist mir ohnehin nicht so wichtig, intensive, liebevolle Freundschaften sind für mich ein guter Alternativweg, mein Bedürfnis nach Nähe zu decken).

Was ich Dir aus der Erfahrung des letzten Jahres der gescheiterten Öffnung mitgeben kann, ist, dass es keinem etwas bringt, wenn einer der Beteiligten "Ja" sagt, obwohl er "Nein" meint. Das hatte mein Mann gemacht. Er wollte sich nicht von mir trennen und auch nicht, dass ich unglücklich bin, deshalb hat er sein Unbehagen so gut versteckt, wie er konnte - bis er dann zusammen gebrochen ist. Das ist ein Weg, den ich nicht empfehlen kann.
Ich lese gerade "Nein aus Liebe" von Jesper Juul, in dem er schreibt, dass es manchmal notwenig ist "Nein" zu anderen zu sagen, um "Ja" zu sich selbst zu sagen.

Und von dem, was ich von Dir lese, habe ich die Befürchtung, dass es hier ebenso ist. Dass Du gerade dabei bist, Dich zu verbiegen und gegen Dein Bauchgefühl anzukämpfen. Das mag Dir für eine Weile die Beziehung erhalten, könnte aber dazu führen, dass Du einen hohen Preis dafür zahlst.

Von daher kann ich nur empfehlen, dass Du noch einmal in Dich gehst, um nachzuforschen, ob da irgendetwas an dieser eingeschränkten Öffnung eurer Beziehung ist, zu dem Du uneingeschränkt "Ja" sagen kannst.

Alles Liebe,
Julia

ScottA
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Re: Polyamorie lernbar?

Ungelesener Beitragvon ScottA » 1. Feb 2018 09:25

Besten Dank Julia und Valentine für eure Beiträge. Ich versuche mal einige Fragen zu beantworten und auf eure Anregeungen einzugehen:
Was macht dir an dem von ihr vorgeschlagenen Szenario Angst? Was macht dich wütend, eifersüchtig, bringt dich so sehr durcheinander?
Die Angst (als monoamor denkender und fühlender Mensch) war anfänglich eine "normale" Verlustangst, da es für mich eigentlich nur ein entweder/oder gibt und nicht ein sowohl-als-auch. Aber darüber bin ich mittlerweile hinweg, wie gesagt zieht sich ihre Zweitbeziehung schon 6 Monate hin. In diversen Gesprächen und auch dank Hilfe eines Buches ("Verlustangst und wie wir sie überwinden", empfehlenswert) konnte ich die Verlustangst, naja sagen wir mal nicht wirklich überwinden, aber auf ein erträgliches Mass reduzieren. Wütend bin ich, weil jeweils über meine Gefühle hinweg entschieden wurde. Nicht nur anfänglich mit dem überhaupt erst eingehen der Beziehung. Auch er hatte mir anfänglich versprochen (hoch und heilig und bei seiner Ehre sagte er, fand ich da schon doof), dass wenn es für mich wirklich nicht funktionieren würde, er sich zurückziehen werde und den Kontakt zu meiner Frau abbrechen würde. Nach etwas mehr als drei Monaten, als wird alle nervlich am Ende waren, sassen wir zu dritt zusammen um das "weitere Vorgehen" zu besprechen. Aber für mich war das einzige was dabei rauskam, dass er mir sagte, dass er sein Versprechen nun nicht mehr einhalten könne. Er liebe meine Frau zu sehr... Also obwohl es anfänglich hies es würde nur funktionieren wenn ich einverstanden bin (was ich nicht bin) und später dann, dass ich die Notbremse ziehen könne wenn es wirklich nicht gehe (was ich wollte, nur funktionierte diese Notbremse ja nicht), geht alles immer weiter. Somit bin ich eben mittlerweile am Punkt angelangt, wo ich weiss, dass ich nichts gegen diese Beziehung machen kann, und wenn ich meine Beziehung aufrechten erhalten will, so muss ich eben lernen mit der Situation zu leben.

Tatsächlich habe ich schon erlebt, dass in dem Fall sie die dortige Ehe öffnete und er, nachdem er darüber nachgedacht hatte, schneller als der Schall mich kennenlernte und wir uns verliebten. Und sie vergeblich Sexabenteuer suchte, ...
Naja, gutes Beispiel, danke dafür. Aber unsere Ehe wurde per se ja nicht geöffnet, eine Öffnung will meine Frau ja gar nicht. Wie gesagt wolle Sie auch keine weiteren Beziehungen/Verbindungen/Abenteuer und wenn das mit der aktuellen Zweitbeziehung nicht funktionieren wird wolle Sie auch nichts neues suchen. Und gerade deshalb wolle Sie auch nicht, dass ich suche. Denn ein polyamores Netzwerk wolle Sie nicht aufbauen und eine offene Beziehung (unverbindlichen, ausserehelichen Sex) wolle Sie schon gar nicht.

Sicher, ihr habt euch einmal auf eine monogame Ehe geeinigt, nur für immer darauf bestehen funktioniert meist nicht.
Ja, da gebe ich dir mittlerweile recht. Für mich gab es immer nur schwarz/weiss, wenn die Ehe nicht mehr funktioniert lässt man sich eben scheiden. Nun ist es aber so, dass unsere Beziehung (zu zweit) wunderbar funktioniert. Nur weiss ich noch nicht wie ich mit einem zweiten Mann in Ihrem Leben zurecht kommen soll. Deshalb bin ich hier auf der Suche nach Tipps und Tricks und Erfahrungen.

Nun hast Du sie gefragt, was wäre, wenn Du dir auch jemanden suchst. Warum? Wo kommt dieses quit pro quo her?
Dies kam bereits bei Gesprächen ganz am Anfang auf, als ich natürlich wissen wollte wie genau Sie sich ein polyamores Leben vorstelle. Ob Sie eine gemeinsame Wohnung wollen, Sex zu dritt, ein Netzwerk von Beziehungen aufbauen und so weiter. Ich habe mich anfänglich im Internet über Polyamorie informiert und bin dann auf verschiedenste für mich teilweise abstruse Konstellationen gestossen und ich wollte ja wissen auf was genau ich mich einstellen soll, oder ob ich eben gleich "das Handtuch werfen soll". Mir geht es hierbei nicht um quit pro quo. Ich finde es nur unfair. Aber wie bereits erwähnt, ich habe gar nicht das bedürfnis nach einer weiteren Liebesbeziehung.

Was passiert in dir, wenn sie geht und Du alleine Zuhause bist?
Ich fühle mich alleine und zurückgelassen. Dazu muss man vielleicht auch sagen, dass wir fast immer alles gemeinsam machten. Vor unserer Beziehung waren wir schon einige Jahre befreundet, somit teilen wir uns mehr oder weniger den ganzen Freundeskreis und waren immer als Paar unterwegs. Auch Hobbys teilen wir (Hundeschule, viele Themen rund ums Auto, etc.) und machten immer alles gemeinsam. Es kam sehr selten vor, dass wir am Wochenende getrennt unterwegs waren. Da er aber 2,5h Stunden weit weg wohnt ist es so, dass sie sich unter der Woche nicht sehen. Somit ist Sie dann immer am Wochenende weg - und ich fühle mich alleine, zurückgelassen, ungeliebt und ignoriert.

Welche Gedanken und Gefühle hast Du dann?
Wenn ich daran denke was er mit meiner Frau gerade macht wird mir schlecht (ich stelle mir dann vor wie er auf ihr liegt). Ich bin wütend, auf ihn, auf sie, auf mich selbst. Meine Gedanken kreisen sich nur um die beiden und was sie gerade tun, selbst wenn ich mit Freunden unterwegs bin um mich abzulenken. Dies fühlt sich dann eh immer nur nach einer Zwangs-Beschäftigungs-Therapie an.

Das hatte mein Mann gemacht. Er wollte sich nicht von mir trennen und auch nicht, dass ich unglücklich bin, deshalb hat er sein Unbehagen so gut versteckt, wie er konnte - bis er dann zusammen gebrochen ist. Das ist ein Weg, den ich nicht empfehlen kann.
Ja, ich denke ich bin hier in der Situation deines Mannes, ich will meine Frau weder verlassen noch dass Sie unglücklich ist. Aber was wäre dann die alternative gewesen bei euch? Man sagt ja immer, im nachhinein ist man schlauer. Also was wäre dein Rat? Wie gesagt, meine Frau wird den anderen Mann nicht verlassen, dass ist sicher. Also bleibt mir selbst nur gehen oder bleiben und mit der Situation versuchen umzugehen, zu lernen, zu tolerieren und irgendwann vielleicht auch zu akzeptieren. Nur weiss ich den Weg dahin nicht, ohne wie von dir auch gesagt nah an einem Zusammenbruch zu sein.

Joalla
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Re: Polyamorie lernbar?

Ungelesener Beitragvon Joalla » 1. Feb 2018 11:41

Hey Scott,

was ich das letzte Mal vergessen hatte: ich finde es richtig toll, dass Du die Bedürfnisse Deiner Frau ernst und wichtig nimmst, dass Du dran bleibst, Dir Gedanken machst und den Austausch suchst. Meine ehrliche Hochachtung dafür
Das hatte mein Mann gemacht. Er wollte sich nicht von mir trennen und auch nicht, dass ich unglücklich bin, deshalb hat er sein Unbehagen so gut versteckt, wie er konnte - bis er dann zusammen gebrochen ist. Das ist ein Weg, den ich nicht empfehlen kann.
Ja, ich denke ich bin hier in der Situation deines Mannes, ich will meine Frau weder verlassen noch dass Sie unglücklich ist. Aber was wäre dann die alternative gewesen bei euch? Man sagt ja immer, im nachhinein ist man schlauer. Also was wäre dein Rat? Wie gesagt, meine Frau wird den anderen Mann nicht verlassen, dass ist sicher. Also bleibt mir selbst nur gehen oder bleiben und mit der Situation versuchen umzugehen, zu lernen, zu tolerieren und irgendwann vielleicht auch zu akzeptieren. Nur weiss ich den Weg dahin nicht, ohne wie von dir auch gesagt nah an einem Zusammenbruch zu sein.
Also, bei mir hätte es jede Menge Alternativen gegeben und gibt es noch - nur nicht im Moment. Bei uns ist die Situation einfach so, dass neben den Kindern, dem Hausbau, dem Beruf und der Trauer um unsere Tochter, die auch noch nicht völlig abgeschlossen ist und dem völligen Fehlen von Unterstützung durch Familie und dergleichen, keinerlei Ressourcen da waren, um eine Änderung herbeizuführen. Wenn man in der Nacht bereits schon so nur 3-4 Stunden schläft und man ab 18 Uhr in den Zombiemodus verfällt, ist es einfach nicht drin, noch lange kinderfreie Gespräche über die Beziehung, Gefühle, Ängste, Bedürfnisse und dergleichen zu führen.

Bei uns ist die Situation auch insofern anders, dass ich mich im Gegensatz zu Deiner Frau voll und ganz als poly identifiziere. Will sagen, wenn mein Mann eine Frau fände, die mit ihm eine Beziehung eingehen würde und die ihm sexuell, romantisch und so weiter geben kann, was ich gerade nicht kann, wäre ich ganz unglaublich glücklich (fast noch glücklicher als wenn ich selbst jemanden finden würde).

Aber genug der Vorrede. Meine persönlichen Alternativen hätten so ausgesehen:
Plan A (der gegenwärtige): wir bleiben offiziell wie inoffiziell ein sexuell geschlossenes (aber von meiner Seite aus emotional offenes) monogames Paar, das zusammen lebt und gemeinsam Kinder hat. Wir wollen beide enge, offene (Kuschel-)Freundschaften und wenn es da jemanden geben sollte, bei dem ich mir mehr wünschen würde, reden wir darüber. Ich setze dann meinen Mann nicht unter Druck, sondern er sagt Bescheid, wenn er bereit für eine Vertiefung ist (sobald er der anderen Person vertraut).

Plan B (falls Plan A scheitern sollte - mein persönliche Favorit): wir trennen uns als romatisches/sexuelles Paar, bleiben aber Freunde, wohnen zusammen (ich schlafe dann eben im Gäste- oder Kinderzimmer, oder wir verabreden uns zum Kuscheln im großen Bett) und üben gemeinsam die Elternschaft aus. Er wäre frei, sich eine neue monogame Partnerin zu suchen, ich würde, sobald die Kinder alt genug sind, hin und wieder außerhalb übernachten.

Plan C: ich ziehe mit den Kindern in eine Familien-WG oder mit einer alleinerziehenden Mutter oder eines anderen kinderfreundlichen Menschen zusammen, möglichst in der gleichen Stadt, so dass die Kinder es nicht weit zu ihrem Vater haben. Wir versuchen, an der Freundschaft festzuhalten, aber das gemeinsame Wohnen fiele weg.

Einen guten Plan D habe ich bislang noch nicht gefunden, aber für die nächsten Jahre plane ich ohnehin, an Plan A festzuhalten.

Zu Dir: wenn ich Dich richtig verstanden habe, möchtest Du auf jeden Fall an der romantisch-sexuellen Beziehung zu Deiner Frau festhalten, richtig? Oder geht es um andere Aspekte, die Dir besonders wichtig sind?

Wenn Du also sagst: "ja, das ist mir am wichtigsten", würde ich Dir raten, zu lernen, gut für Dich zu sorgen. Suche Dir enge Vertraute und Freunde, die Dich auffangen, wenn es Dir schlecht geht, suche Dir eine Gruppe (z.B. über einen Polytreff), in der Du vor Ort über Dich bewegende Themen und Gefühle sprechen kannst, geh einem Hobby nach, das Dir wirklich große Freude macht, lass Dich massieren - was immer Du brauchst, um Deinen inneren Akku trotz der zusätzlichen Belastung im grünen Bereich zu halten - mach es.
Denke nicht so sehr darüber nach, was Deine Partnerin braucht, um glücklich zu sein, sondern ganz verstärkt darüber, was Du brauchst, um glücklich zu sein.

Sieh es nicht als bevorstehende Folter, sondern als Gelegenheit, mehr über Dich selbst und die Liebe zu erfahren. Es ist nicht das, was Du Dir vorstellt oder gewünscht hast, dennoch kann da etwas wirklich großartiges draus werden - auch für Dich.

Was Infos angeht, kann ich persönlich - so Du Comics nicht ganz schrecklich findest Kimchi Cuddles empfehlen. Dort werden Beziehungsthemen aus allen möglichen Perspektiven beleuchtet und ich habe sehr viel daraus gelernt.

Alles Liebe,
Julia

SusaSunshine
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Re: Polyamorie lernbar?

Ungelesener Beitragvon SusaSunshine » 3. Feb 2018 17:32

Ihr Lieben,
dieser thread ist wirklich spannend und ich werde auch noch etwas dazu schreiben. Einige Fragen, deren Klärung hilft, polyamor zu leben, finden sich in diesem Text. http://www.psyheu.de/9973/affaeren-und- ... n-ehe-sex/
Die Herangehensweise ist pragmatisch, strukturiert, alltagsnah und zeigt gerade für Paare in der Beziehungsöffnung, die einseitig motiviert ist, gangbare Wege auf.
Herzensgrüße Susa
"Wer loslässt, hat beide Hände frei!" Von meiner Lieblingspostkarte :-)

Alex83
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Re: Polyamorie lernbar?

Ungelesener Beitragvon Alex83 » 5. Feb 2018 22:01

Hallo ScottA,
Ich laß heute morgen in der Bahn die Überschrift mit dem Fragezeichen und fragte mich zunächst, ob Polyamorie wirklich etwas ist, was man (er-)lernen muss, oder ob es vielleicht etwas ganz natürliches sein könnte, was unserem Ursprung entspricht und was wir im Laufe unserer Sozialisierung verloren haben. Der zweite Gedanke gefiel mir gleich besser. Während ich den Text laß, hatte ich die Frage schon ganz vergessen und war ehrlich gesagt nur noch fassungslos über diese aus meiner Sicht überrumpelnde Herangehensweise. Vielleicht lehne ich mich zu weit aus dem Fenster und vielleicht spricht die Unerfahrenheit aus mir, doch ich könnte nur schwer das in meinem Kopf aus deiner Erzählung entstandene Gebilde als Polyamorie bezeichnen.
Ich lebe seit etwas über zwei Jahren in einer bislang einseitig offenen Beziehung, deren Entstehung in dieser Form auch für mich überraschend war. Der wesentliche Unterschied ist, dass ich Monogamie schon seit meiner Jungend kritisch sah.
Ich bin manchmal sehr erstaunt mit welcher Selbstverständlichkeit manche Menschen von Monogamie und der Bedeutung von Treue sprechen und wie hart sie dabei über andere urteilen und dann noch am selben Abend nach ein paar Drinks großes Interesse am anderen Geschlecht offenbaren, um nur ein Beispiel zu nennen. Es ist doch nicht so, dass Alkohol das in einen reinpflanzt. Ich denke es ist so, dass es vorher schon da war und unterdrück wurde. Das führt mich wieder zu dem anfänglichen Gedanken zurück.
Für mich ist das Gefühl, dass ich mich von etwas Aufgezwängtem zu etwas Natürlichem entwickle auf diesem Weg sehr hilfreich. Doch selbst dann ist dieser Weg hart. Auch mein Weg fing mit zittrigem Körper, Bauchschmerzen und großen Ängsten an. Ich vermute, dass die meisten der hier schreibenden harte Zeiten und viel Arbeit an sich selbst hinter sich haben und wahrscheinlich viele schmerzvolle Erfahrungen und vielleicht auch gescheiterte Öffnungsversuche erlebt haben. Wieviele von uns werden schon polyamor sozialisiert... Da kommt wahrscheinlich doch eine Art von Lernen ins Spiel.
Ich stellte mir auf jeden Fall all die Fragen, die Valentine auf so beeindruckende Weise schon aufgeschrieben hat. Ich hinterfrage all die Muster, die ich in mir erkannte und frage mich, ob diese tatsächlich aus mir heraus kommen oder ob, es von Außen projizierte Ansichten sind. (Wenn man Kinder hat und beobachtet, fällt einem oft auf, wie selbstverständlich manche Sachen für sie sind, die für Erwachsene undenkbar erscheinen.) Der wesentliche Unterschied an dieser Stelle ist wieder, dass ich ausreichend Zeit dafür hatte und mein enormer Gesprächsbedarf von meiner Frau gedeckt wurde. Es fing auch als eine Art „Experiment“ an. Anders hätte das bei mir wahrscheinlich nicht klappen können.
Ich erkannte in diesem Prozess, wie ich mich verändere. Wie der Drang nach Festhalten und die giftige Eifersucht sich nach und nach auflösten und ich große Liebe empfand und mitfühlen konnte. Selbst wenn das nach wie vor noch kein Dauerzustand ist, kenne ich das Gefühl und weiß wie wahnsinnig befreiend und erfüllen das ist. Ich liebe eine Frau mit all ihren Facetten, mit allen, die da sind und die kommen können und werden. Sie sitzt nicht in einem Käfig aus Moralvorstellungen und Dogmen. Sie ist frei und in jeder Sekunde, in der sie bei mir ist, bin ich mir sicher, dass sie das sehr gerne und aus vollem Herzen ist. Und wenn sie nicht bei mir ist, lebt und liebt sie und fühlt Dankbarkeit, dass das zwischen uns möglich ist. Ich denke, der Weg dahin lohnt sich, auch wenn dieser schwer ist.
Nun ja, bei euch finde ich das in der Hinsicht kompliziert, dass es irgendwie etwas drastisch formuliert nichts Ganzes und nichts Halbes ist. Wie kann ich etwas von jemandem erwarten, was ich nicht selbst bereit wäre zu geben? Wie kann ich die Erfahrung machen, gleichzeitig mehrere Menschen zu lieben und jemandem den ich liebe vorschreiben wie er zu lieben hat? Das sind für mich nicht ganz nachvollziehbare Vorstellungen. Klar, ich kenne nur einen Ausschnitt und nur von einer Seite und doch empfinde ich eine Ungerechtigkeit und ich denke, dass ich große Schwierigkeiten damit hätte, einen gesunden Umgang damit zu finden. Es ist eine Sache, keine anderen Liebesbeziehungen eingehen zu wollen und eine ganz andere, es nicht zu dürfen.

Was die Frage nach dem Wunsch angeht, selbst eine andere Partnerin zu suchen, kann ich auch etwas aus meinem Entwicklungsprozess berichten. Ganz unbewusst kam dieser Gedanke auch in mir hoch. Ich krallte ihn mir und nahm ihn lange auseinander. Was steckt dahinter? Was würde sich ändern? Wie würde ich mich dann fühlen? Was würde ich mir genau davon wünschen? Naja und viele solcher Fragen. Nach und nach kristallisieren sich auch unschöne Dinge, die ich mir zunächst so auch eingestehen musste. Es ist zum Beispiel so eine Art „wie du mir so ich dir“. Ich habe Schmerzen und möchte, dass du weißt, wie es ist. Auch wenn wiederum dahinter wieder ein Wunsch nach Verständnis schlummert, ist es für mich absolut ekelhaft, so etwas in mir zu haben. Von solchen Dingen möchte ich mich lösen. Manchmal steckt hinter dem Wunsch vielleicht auch der Wunsch, den anderen eifersüchtig zu machen, was kein Stückchen edler ist...naja und der größte Teil ist wahrscheinlich der Drang nach Ablenkung, um sich nicht mit diesen ganzen nagenden und aufwühlenden Fragen und Schattenseiten konfrontieren zu müssen. Doch ohne das, wird sich wahrscheinlich einfach nichts ändern.

Liebe Grüße
Alex
life is beautiful

SusaSunshine
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Wohnort: Berlin :-)

Re: Polyamorie lernbar?

Ungelesener Beitragvon SusaSunshine » 7. Feb 2018 01:04

Lieber Alex,
du schreibst:
Was die Frage nach dem Wunsch angeht, selbst eine andere Partnerin zu suchen, kann ich auch etwas aus meinem Entwicklungsprozess berichten. Ganz unbewusst kam dieser Gedanke auch in mir hoch. Ich krallte ihn mir und nahm ihn lange auseinander. Was steckt dahinter? Was würde sich ändern? Wie würde ich mich dann fühlen? Was würde ich mir genau davon wünschen? Naja und viele solcher Fragen. Nach und nach kristallisieren sich auch unschöne Dinge, die ich mir zunächst so auch eingestehen musste. Es ist zum Beispiel so eine Art „wie du mir so ich dir“. Ich habe Schmerzen und möchte, dass du weißt, wie es ist. Auch wenn wiederum dahinter wieder ein Wunsch nach Verständnis schlummert, ist es für mich absolut ekelhaft, so etwas in mir zu haben. Von solchen Dingen möchte ich mich lösen.
Ich kenne es auch, dieses Gefühl, wie du mir, so ich dir.
Ich habe mir darüber viele Gedanken gemacht. Positiv besetzt ist ja die Aussage, dass nur der, der eine Weile in den Schuhen des anderen gegangen ist, seine Situation wirklich verstehen kann.
Aber eigentlich meint ja beides das Gleiche. Empathisch sein können, Empathie empfinden, weil man die Situation des anderen selbst erlebt hat. Und dieses Verständnis füreinander geht immer mehr verloren.
Ich finde es so schade, dass dieser erstmal neutrale Wunsch, ich will, dass jemand das Gleiche erlebt wie ich, als ein trennender Akt der Rache und der Vergeltung begriffen wird. Diese Erlebnisse können auch Verbindenderes sein.
Herzensgrüße
Susa

Ernst1985
Beiträge: 1
Registriert: 27. Feb 2018 20:35

Re: Polyamorie lernbar?

Ungelesener Beitragvon Ernst1985 » 2. Mär 2018 10:30

Hallo Scott,

das Hauptproblem bei euch ist die Ungerechtigkeit mit der sie dich behandelt. Du musst dir folgendem bewußt sein: Der Sinn für Gerechtigkeit ist bei uns definitiv angeboren und nicht anerzogen.
Man kann 2 Millionen Jahre Evolution nicht unterdrücken, es ist genetisch in uns drin. Das haben mehrere Studien über Kinder gezeigt. Du kannst also selbst wenn du willst absolut nichts gegen deinen Gerechtigkeitsinstinkt unternehmen und das ist auch gut so. Du kannst nichts dafür dass sie dich ungerecht behandelt, sie nimmt ohne zu geben und das kann wirklich jede Beziehung zerstören. Die einzige Möglichkeit, die ich für dich sehe um dein Unbehagen loszuwerden ist dich anderen Frauen gegenüber zu öffnen, egal ob Freundeskreis oder Zufallsbegegnung. Seit ich das tue mache ich mehr Sport, ernähre mich gesünder und achte mehr auf mein Äußeres (ohne jetzt gegenteiliges von dir zu behaupten). Wenn deine Frau erstmal merkt wie du mit anderen Frauen ab jetzt umgehst, wird sie dich nicht mehr als selbstverständlich und sozusagen als Besitzgegenstand ansehen, was sie im Moment definitiv tut. Es geht hier auch nicht ums heimzahlen, sondern um die Entwicklung eurer Beziehung zu etwas gerechtem und etwas schönem. Wenn deine Frau dich wirklich liebt wird sie dir das erlauben und sich darüber freuen dass es dir wieder besser geht, wenn nicht dann sieht sie dich nicht als Mensch, sondern als Gegenstand über den man frei verfügen kann. Wenn sie sieht das auch andere Frauen an dir interessiert sind, bist du auch deutlich attraktiver für sie, was sie entweder erfreut oder eifersüchtig macht. Du musst dir bewusst machen, dass es nicht deine Schuld ist wenn sie die Eifersuchtsschiene langläuft, du kannst sie unterstützen davon loszukommen aber den Willen dazu muss sie auch selbst aufbringen. Den Eifersucht ist im Gegensatz zur Gerechtigkeit genetisch nur minimal angelegt und wird durch unsere Sozialisation zu einem riesiegen Monster hochgezüchtet. Sich am anderen (oder gleichem) Geschlecht zu erfreuen ist ganz natürlich für den Mensch, habe keine Scheu, genieße dein Leben. Liebe deine Frau, aber krall dich nicht an ihr fest, das mögen selbstbewußte Frauen sowieso nicht.

liebesloewe
Beiträge: 6
Registriert: 7. Mär 2018 13:16

Re: Polyamorie lernbar?

Ungelesener Beitragvon liebesloewe » 17. Apr 2018 15:19

Hallo leute,
ich habe hier einen sehr interessanten Beitrag zu dem Thema gefunden Das polyamouröse Leben

sehr angenehm zu lesen :)


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